Säuglingskoliken und Osteopathie

Säuglingskoliken und Osteopathie

Bei Säuglingskoliken, auch unter Dreimonatskoliken bekannt, handelt es sich um ein bisher ungeklärtes Phänomen. Sie drücken sich durch exzessives Schreien oder Weinen sowie Reizbarkeit des Säuglings aus und treten ohne offensichtliche Ursache auf. Bis zu 20% aller Neugeborenen sind davon betroffen (Lucassen et al. 2001). Die Säuglingskoliken legen sich spontan in den ersten drei bis vier Monaten. Es handelt sich bei der Dreimonatskolik um eine Ausschlussdiagnose von organischen Ursachen, welche ca. bei 10% der Neugeborenen auftreten und sie gilt medizinisch gesehen als unbedenklich (Gormally et Barr 1997). Jedoch stellen sie für Familien und das medizinische Fachpersonal des Gesundheitssystems eine große Belastung dar. Sowohl Säuglingskoliken, als auch anhaltendes Schreien, sind mit hohen mütterlichen Depressions-Scores verbunden (Vik et al. 2009). Weiterhin stellen sie den größten Risikofaktor für das Schüttelbaby-Syndrom (Barr 2012) und verfrühtes Abstillen (Howard et al. 2006) dar. In einer Meta-Analyse wurden schwere Koliken zu Beginn des Lebens mit späteren Schlafproblemen, allergischen Erkrankungen, familiären Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung gebracht (Hemmi et al. 2011).

Wie bereits erwähnt bleibt trotz intensiven Bemühungen von Forscherinnen und Forschern die Ätiologie von Säuglingskoliken unbekannt und es kursieren viele verschiedene Theorien über dieses Beschwerdebild. „Stellt die Kolik das schwerste Spektrum normaler Säuglingsbeschwerden dar, oder ist sie eine Manifestation von zugrundeliegenden gastrointestinalen, neurologischen oder psychosozialen Störungen?“ (Barr 1998).

 

Postulierte Hypothesen zum Ursprung von Säuglingskoliken

  1. Gastrointestinale Mechanismen: erhöhtes intraluminales Gas, Darmdysmotilität und Eingeweideschmerzen (Gupta 2002), Darmmikrobiomveränderungen (Sung et Cabana 2017), Casein-Allergie (Barr 2003)
  2. Neurologische oder psychosoziale Ursachen: Migräne im Kindesalter oder Migräne bei der Mutter (Qubty et al.  2016, Romanello et al. 2013), mütterliche Ängste, Depressionen (Räihä et al. 2002), Rauchen (Canivet et al. 2008)
  3. Osteopathischer Erklärungsansatz: perinatale Kräfte oder Geburtstraumen, die auf das Os occipitale wirken und im Bereich des Forman jugulare beziehungsweise am Übergang der oberen Kopfgelenke zu Irritationen der Hirnnerven IX, X, XI und XII führen (Frymann 2007)

 

Mögliche Therapieoptionen

Das Probiotikum Lactobacillus reuteri ist effektiv bei der Reduzierung von Weinen und Aufregung bei Neugeborenen, welche gestillt werden. Die Rolle des Probiotikums bei formula-gefütterten Säuglingen mit Koliken bedarf noch weiterer Forschung (Sung et al. 2018). Lactobacillus reuteri ist die einzige Behandlungsoption, welche mit ausreichend Evidenz belegt wurde. In der Forschung befinden sich jedoch auch noch Akupunktur, hypoallergene Ernährung der stillenden Mutter, reduzierte Stimuli für das Baby, Elternberatung und hydrolysierte Milchnahrung (Sung 2018). 

 

Auch manuelle Therapieformen, dazugehörend die Osteopathie, werden momentan intensiv beforscht, um die Schwere der Symptome bei Säuglingskoliken zu verringern. 

Im Jahr 2012 hat die Cochrane Collaboration einen hochwertigen Review zu dieser Thematik veröffentlicht. Insgesamt wurden dabei die Daten von 325 Säuglingen ausgewertet. Der Review kam zu dem Ergebnis, dass manipulative Therapien (OMT, craniale Manipulation, Chiropraktik) in der Lage sind die durchschnittliche Schreizeit um eine Stunde und 12 Minuten signifikant zu senken und die Schlafzeit zu verbessern (Dobson et al. 2012). Diese Ergebnisse wurden in einem aktuellen systematischen Review reproduziert (Ellwood et al. 2020). Besonders die kraniale osteopathische Manipulation scheint bei der Behandlung von Säuglingskoliken hilfreich zu sein. In einer offenen, kontrollierten, prospektiven Studie wurden 28 Säuglinge in eine Interventionsgruppe (die OMT erhielt) und eine Kontrollgruppe (keine Behandlung) randomisiert. Bei denjenigen Neugeborenen, die eine kranielle Behandlung erhielten, reduzierte sich die Schreidauer und verbesserte sich die Schlafzeit signifikant. Weiterhin gaben die Eltern an, dass die behandelten Säuglinge weniger elterliche Aufmerksamkeit brauchten, als zu Beginn der Studie (Hayden et Mullinger 2006).

 

Mittels Osteopathie wird z.B. eine Kompression des Os temporale des Os occipitale, der Sutura occipito-mastoidea, des atlantookzipitalen Gelenkes, sowie eine Irritation des Nervus vagus behandelt. Auch eine Art fluidaler oder mambranöser Schockzustand und das Zwerchfell, sowie das Ganglion coeliacum und der Verdauungstrakt sind Ziel osteopathischer Behandlungen.

Literatur

Barr RG, Geertsma MA. Colic: The pain perplex. Schechter NL, Berde CB, Yaster M Pain Infants, Child Adolesc Philadelphia Lippincott, Williams, Wilkins. Published online 2003:751-761

Barr RG. Preventing abusive head trauma resulting from a failure of normal interaction between infants and their caregivers. Proc Natl Acad Sci. 2012;109(Supplement 2):17294-17301

Barr RG. Colic and crying syndromes in infants. Pediatrics. 1998;102(Supplement E1):1282-1286

Canivet CA, Östergren P-O, Jakobsson IL, et al. Infantile colic, maternal smoking and infant feeding at 5 weeks of age. Scand J Public Health. 2008;36(3):284-291

Dobson D, Lucassen P, Miller J, et al. Manipulative therapies for infantile colic (Review). Cochrane Database ofSystematic Rev. 2012;(12)

Ellwood J, Draper-Rodi J, Carnes D. Comparison of common interventions for the treatment of infantile colic: A systematic review of reviews and guidelines. BMJ Open. 2020;10(2)

Frymann V. Osteopathie in der Pädiatrie, Teil 1. Dtsch Zeitschrift für Osteopat. 2007;4

Gormally SM, Barr RG. Of clinical pies and clinical clues: proposal for a clinical approach to complaints of early crying and colic. Ambul Child Heal. 1997;3(2):137-153

Gupta SK. Is colic a gastrointestinal disorder? Curr Opin Pediatr. 2002;14(5):588-592

Hayden C, Mullinger B. A preliminary assessment of the impact of cranial osteopathy for the relief of infantile colic. Complement Ther Clin Pract. 2006;12(2):83-90

Hemmi MH, Wolke D, Schneider S. Associations between problems with crying, sleeping and/or feeding in infancy and long-term behavioural outcomes in childhood: a meta-analysis. Arch Dis Child. 2011;96(7):622-629

Howard CR, Lanphear N, Lanphear BP, et al. Parental responses to infant crying and colic: the effect on breastfeeding duration. Breastfeed Med. 2006;1(3):146-155

Lucassen P, Assendelft WJJ, Van Eijk JTM, et al. Systematic review of the occurrence of infantile colic in the community. Arch Dis Child. 2001;84(5):398-403

Qubty W, Gelfand AA. The link between infantile colic and migraine. Curr Pain Headache Rep. 2016;20(5):1-5

Räihä H, Lehtonen L, Huhtala V, et al. Excessively crying infant in the family: Mother–infant, father–infant and mother–father interaction. Child Care Health Dev. 2002;28(5):419-429

Romanello S, Spiri D, Marcuzzi E, et al. Association between childhood migraine and history of infantile colic. Jama. 2013;309(15):1607-1612

Sung V. Infantile colic. Aust Prescr. 2018;41(4):105-110

Sung V, Cabana MD Probiotics for Colic—Is the Gut Responsible for Infant Crying After All? J Pediatr. 2017;191:6-8

Sung V, D’Amico F, Cabana MD, et al. Lactobacillus reuteri to treat infant colic: A meta-analysis. Pediatrics. 2018;141(1)

Vik T, Grote V, Escribano J, et al. Infantile colic, prolonged crying and maternal postnatal depression. Acta Paediatr. 2009;98(8):1344-1348

 

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