Osteopathische Forschung über Schmerzentitäten
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Osteopathische Forschung über Schmerzentitäten

Akute oder chronische Schmerzen betreffen jährlich weltweit mehrere Millionen Menschen, was einerseits zu einer großen, persönlichen Krankheitslast, als auch zu immensen Gesundheitskosten im medizinischen System führt.

Was ist Schmerz?

Schmerz wird als eine komplexe Sinnesempfindung definiert, die von speziellen Rezeptoren des peripheren Nervensystems vermittelt wird. Über verschiedene Klassen von Nervenfasern gelangt der Reiz (bei Schmerz spricht man auch von sog. Noxen) an das zentrale Nervensystem (ZNS) weitergeleitet und final im Gehirn verarbeitet und interpretiert. Dabei spielt die Bewertung des Schmerzes durch die eigene Psyche für die tatsächliche Schmerzwahrnehmung eine wichtige Rolle.
Es gibt also verschiedene Schmerzqualitäten: einmal die affektive Komponente („quälend“, „nervig“) und die sensorische Komponente („brennend, stechend, ziehend, usw.“).
Des weiteren wird zwischen thermischen (Hitze/Kälte), chemischen (Entzündungen, Säuren, Gifte) und mechanischen (Druck, Verletzung) Noxen unterschieden.

Ein akuter Schmerz ohne adäquate Behandlung kann sich auch chronifizieren, da der Körper über eine Art „Schmerzgedächtnis“ verfügt. Treten Schmerzen wiederholt auf, so kommt es zu einer Übererregbarkeit der Nervenfasern und damit zu einem intensiveren und längeren Schmerzempfinden. Daher ist eine frühzeitige und angemessene Schmerztherapie so wichtig (Schaible et Radbruch 2016).

Wie lassen sich Schmerzen messen?

Wie oben ausgeführt stellt Schmerz eine subjektive Wahrnehmung dar, was eine quantitative Erfassung erschwert. Jedoch besteht (wie bei anderen klinischen Symptomen) seit je her ein Interesse daran, den Schmerz messbar zu machen. Daher werden Schmerzen durch subjektive Fragebögen- bzw. Skalen, welche die PatientInnen selbst ausfüllen, gemessen. Die am häufigsten verwendeten sind die visuelle Analogskala (VAS), die numerische Bewertungsskala (NRS) und die verbale Bewertungsskala (VRS). Eine objektive Messung durch ein technisches Messgerät oder ähnliches ist bis heute unmöglich.

Die Entscheidung welches Schmerzmessinstrument für das jeweilige Studiendesign angemessen ist, hängt von den Studienzielen und der Forschungsmethode ab und sollte gründlich abgewägt und dokumentiert werden. In der osteopathischen Forschung hat sich bisher kein einheitliches osteopathie-spezifisches Messinstrument für Schmerzen etabliert. Eine Entwicklung dessen könnte ein wesentlicher Schritt zur Unterstützung zukünftiger Forschung sein (Zanoli et al. 2002), denn die Umsetzung der Daten aus selbstberichteten Fragebögen in nützliche Patienteninformationen stellt eine Herausforderung dar.

Was bedeutet das für die Osteopathie?

Die osteopathische Forschung steckt, verglichen mit anderen Forschungsfeldern, noch in den Kinderschuhen. Unter dem Begriff „osteopathische Manipulationstherapie“ (OMT) werden alle individuell auf die PatientInnen abgestimmten Techniken zusammengefasst. Bisher wurde die OMT hauptsächlich als Interventionsmaßnahme bei mit Schmerzen verbundenen Krankheitsbildern erforscht. Am meisten wurden dabei Kreuz-, Nacken- und Kopfschmerzen untersucht (Steel et al. 2017).           Neben einer Schmerzreduktion ist das Ziel einer osteopathischen Behandlung auch die Lebensqualität zu verbessern, Fehlzeiten am Arbeitsplatz zu verringern, die Produktivität zu fördern sowie weitere kulturelle und sozioökonomische Faktoren mit in die Therapie einzubeziehen.

OMT stellt also eine Alternative oder auch Ergänzung zur Standardbehandlung, welche aus Medikamenten, Bewegung und manchmal kognitiver Verhaltenstherapie besteht, dar.

Um die osteopathische Manipulationstherapie als klinische Behandlungsoption zu etablieren, sind jedoch noch weitere randomisierte, kotrollierte Studien, systematische Reviews und Metaanalysen mit hoher Qualität nötig, um die Wirksamkeit und Effektivität bei Schmerzzuständen und weiteren Symptomen zu festigen. Dabei ist es z.B. auch wichtig das richtige Schmerzmessinstrument zu verwenden und die Wahl zu begründen.

Letztes Jahr ist die erste kritische Übersichtsarbeit in einer renommierten Medizinfachzeitschrift zur Bewertung über die Verwendung von Messsystemen zur Quantifizierung der Schmerzintensität bei osteopathischen Interventionen erschienen. Wie bereits weiter oben beschrieben werden in der osteopathischen Forschung eine Vielzahl verschiedener Schmerzskalen verwendet, wobei die Kriterien für die Auswahl nicht immer klar definiert oder nicht angegeben werden.

Das Ziel der ForscherInnen war ein Vergleich der verschiedenen Fragebögen und eine Analyse der Gründe für einen bestimmten Fragebogen.

Hierzu wurde eine systematische Literaturrechere in sieben Medizindatenbanken durchgeführt. Eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Studien (RCT), die die Wirksamkeit von OMT bei der Reduktion der Schmerzintensität untersuchen und das Verzerrungsrisiko wurde bewertet. Insgesamt wurden so 26 Studien in den Review aufgenommen.

Welche Ergebnisse hat der systematische Review ergeben?

  • Alle Studien verwendeten eine subjektive Schmerzskala
  • in über 80 % der Studien war der Schmerz der primäre Outcome
  • in ca. 80% der Studien war die OMT wirksam/effektiv
  • die visuelle Analogskala (VAS) wurde (mit Modifizierungen) mit Abstand am häufigsten verwendet
  • 15 von 26 Studien (=57%) gaben keine angemessene Begründung für die Wahl des Schmerzmessinstruments an
  • Das durchschnittliche Verzerrungsrisiko betrug 2,85 auf der JADAD-Skala, was eine moderate Qualität der Studien zeigt
  • Teilweise wurden keine eindeutigen Angaben über den Zeitpunkt der Erhebung der Schmerzintensität gemacht

 

Weiterhin geben die AutorInnen zusätzliche Hintergrundinformationen über die verschiedenen Schmerzmessinstrumente:

Literatur aus dem Jahr 2011 kam zu dem Schluss, die die visuelle Analogskala (VAS), die numerische Bewertungsskala (NRS) und die verbale Bewertungsskala (VRS) alle gültig und zuverlässig für die Messung der Schmerzintensität geeignet sind, was 2018 erneut bestätigt wurde.

Dabei wurde die VAS allgemein als schwieriger eingestuft als die anderen, weil für die Ausführung Papier und Bleistift verwendet werden und die PatientInnen selbst eine senkrechte Linie zur VAS-Skala ziehen müssen. Dies erfordert ein klares Verständnis des Arbeitsauftrages sowie Selbstständigkeit und die VAS ist deswegen für ältere Menschen sowie Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Kommunikationsproblemen nur eingeschränkt zu empfehlen. Außerdem ist die Auswertung durch das Messen sehr aufwendig.

Die NRS stellt eine praktische Alternative dar, denn sie kann mündlich und damit auch per Telefon durch die behandelnde Person abgefragt werden. Bei der NRS wird die Schmerzintensität durch Angabe eines Zahlenwerts auf einer segmentierten Skala erfasst, was die Interpretation erleichtert, da ein höherer Wert eine höhere Schmerzintensität anzeigt.

 

Eine Arbeit von Nio Ong und KollegInnen hat zudem berichtet, dass die unterschiedlichen Interpretationen der affektiven Schmerzkomponenten für das Individuum in der Schmerztherapie beachtet werden sollten und dass ein multimethodischer Ansatz zu einer stärker patientenorientierten Schmerzforschung führen könnte. Hier kann die Osteopathie sicherlich einen wertvollen Beitrag leisten, wenn die Qualität der osteopathischen RCT-Studien verbessert werden im Hinblick auf das Verzerrungsrisiko und die Angaben über Gründe für die Verwendung eines Messinstruments. Dadurch könnte die osteopathische Forschung mit ihren positiven Ergebnissen über die Wirksamkeit eine noch stärkere Botschaft vermitteln.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Unterschiede in der Verwendung der verschiedenen Skalen unbedingt beachtet werden müssen und die Wahl für eine spezifisches Messinstrument dringend begründet werden sollte (Santiago et al. 2020).

Literatur

Santiago RJ, Esteves J, Baptista JS, et al. Instrumentation used to assess pain in osteopathic interventions: A critical literature review. Int J Osteopath Med. 2020;37:25-33

Schaible HG, Radbruch L. Den neurobiologischen Grundlagen des chronischen Schmerzes auf der Spur. Schmerz. 2016;30(2):125-126

Steel A, Sundberg T, Reid R, et al. Osteopathic manipulative treatment: A systematic review and critical appraisal of comparative effectiveness and health economics research. Musculoskelet Sci Pract. 2017;27:165-175

Zanoli G, Strömqvist B, Jönsson B, et al. Pain in low-back pain: Problems in measuring outcomes in musculoskeletal disorders. Acta Orthop Scand. 2002;73:54-57

 

 

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