Die Unerzählbarkeit des therapeutischen Miteinanders, auch in der Osteopathie.
therapeutisches Miteinander

Die Unerzählbarkeit des therapeutischen Miteinanders, auch in der Osteopathie.

Zusammenfassung

Im Folgenden werden unterschiedliche Perspektiven diskutiert, die in der therapeutisch-theatralen Interaktion zwischen Osteopathen und Patienten da sein können oder auch nicht (allerlei Launiges über das Auch-anders-sein-Können von Kontakten). Der Osteopath, vielleicht ein empfindendes Wesen, vielleicht mit Sichtweisen ausgestattet wie eine schöne Maschine, integriert sich mit dem Patienten X und dessen Aspekten Y. Transkosmische und phänoallergische Perspektiven beeinflussen diese Begegnung gleichermaßen. Wir bemerken, dass auch wir noch nicht wissen, was ein „Sich-integrieren-mit“ bedeuten könnte. (Wir attestieren die mögliche magische Bedeutungsunmöglichkeit einer jeglichen Integration im interaktiven Kalkül der Kontaktnahme.)

a) Die doppelte Doppelrolle; oder mehr?

Die beiden Akteure stehen immer in mindestens zwei, manchmal in bis zu unendlich vielen Rollen zueinander: Die Sichtfenster imaginieren daraufhin stets so etwas wie eine Doppelrolle, die dem geduldig Wartenden die Expertise des Leides zuweist und dem Aktionisten die Expertise des Aktionisten. Beide aber, so spricht die Doppelrolle, schamhaft über das Fensterbrett gelehnt, sind sich so etwas wie ein Miteinander. Im Verständnis einer solchen im Menschen sich vorbereitenden Orchestrierung der Spiegelfelder und Abtrünnigkeiten, hausen das Fach mit seinen Fächern für den Aktionisten, das Leid mit seinen Leidtragenden für den Geduldigen und vor allem das Mit einer ursprünglichen Sorgehaltung, von der dem Menschen gerne erzählt wird, erhätte sie – sie mache sein Ein und Ethos aus. Wie auch immer. Dann gibt es noch die Ökonomie der reinen Gabe zu bedenken und den Zustand vor jeder vertraglichen Sicherheit. Folgen wir Derrida und Hobbes, was zugleich gedacht nicht immer das Leichteste ist, so ist ersteres nicht leicht zu haben, da im Schleier einer unmöglichen Möglichkeit gehalten und zweiteres äußerst wünschenswert, da sonst das dem Abelsrecht zuvorkommende Kainsrecht überhand nimmt. Zu zweit sind der Geduldige und der Aktionist bemüht, dem Heil und dem Ganzen im Schaffensprozess beizuwohnen. Denn unübertreffbar ist der, der Gutes tut und unübertroffen ist die Erfahrung dessen, an dem Gutes sich zu schaffen macht. Dazwischen funkeln die Wahrnehmungen und Empfindungen nur so herum. In ihrem Funkeln ist eine große Scham auszumachen vor der ungeheuerlichen Bataillschen Intimität, die beide umgreift, sobald der Feuerbachsche Limes zwischen Mensch und Tier sich zu verflüchtigen beginnt. Stellt sich dies ein, dann ist einer Ökonomie der absoluten unvergleichlichen Verschwendung das Wort zu reden.

b) Alpha­numerische Dimensionen, am Beispiel der Kontakt­nahmen a, b, c usw. und der Weich­heiten des Fleisches 1, 2, 3 usw

Erste Frage: gibt es überhaupt so etwas wie eine subjektive Dimension? Wo wäre das Subjekt, also das Zugrundeliegende einer solchen Mensur? Versteckt es sich in seinen perzeptiven Inhärenzen, denkt es einfach so vor sich hin, oder macht sich der ewige Sumpf der emotionalen Ungeheuerlichkeiten breit, den selbst Platons Wagenlenker nicht auszutrocknen vermochte?

Axiom eins: es gäbe ein Subjekt.
Korollar: das Subjekt ist dem Fleisch völlig und ganz ergeben, es ist überidentifiziert mit dem Fleisch.

Axiom zwei: das Subjekt würde von der Welt bestaunt.
Korollar: die Rede vom Subjekt setzt eine dem Subjekt gegenübergestellte Welt voraus.

Zweite Frage: worüber staunt die Welt?

Lösung:

(a) die Welt bestaunt das Fleisch
(b) die Welt bestaunt die Konsistenz des Fleisches
(c) die Welt bestaunt die Lust des Fleisches
(d) die Welt bestaunt die endlose Angst des Fleisches (wovor ängstigt sich das Fleisch? Vor seiner Zerstückelung und vor seinem Nichtsein)

(1) dabei verliert sich die Welt im Fleisch, das Fleisch schmeckt ihr
(2) dabei würgt die Welt am Fleisch, es ekelt ihr vor diesem Fleisch, dieser geometriefernen Masse
(3) dabei dringt die Welt in das Fleisch ein (das Fleisch ist dann kontaminiert und kann von der Welt zugrundegerichtet werden)
(4) dabei schreit die Welt auf vor Lust am Dasein
(5) dabei beschmutzt sich die Welt mit der Angst des Fleisches
(6) dabei denkt die Welt nur eines: wo muss man dem Opfertier das Messer ansetzen?
(7) dabei verliert sich die Welt voll und ganz in den Gedanken des Opfers
(8) dabei erfährt sich die Welt zum ersten Mal als Objekt
(9) dabei dämmert der Welt zum ersten Mal, dass nur sie als Gegenstand des Opfers in Frage kommt und sie entäußert sich ihrer objektiven Gegenständigkeit und flieht in den vorinterpretativen Raum der Batailleschen Intimität. Dabei verrät sie den Künstlern von Lascaux ihren Sinn und lässt Fleisch an die Höhlenwände malen.

Anmerkung: in einer der hintersten Kammern des Höhlensystems von Lascaux findet sich ein liegender Mensch mit erigiertem Penis neben einem sterbenden Tier. Beim Betrachten des Bildes kann man das Dampfen des Fleisches hören. Diese einzige Menschendarstellung sprengt alle interpretatorischen Winkelzüge. Wir kennen die Intimität der Menschen von Lacaux und gleichzeitig ist sie uns das Fremde schlechthin. Sie ist mittlerweile ein großer Teil der Angst des Fleisches geworden, ein einziges großes Trauma im Herzen dessen, was man Geschichte und Zivilisation nennt. Wir verwehren uns davor, eine solche Darstellung als postmodernen Absolutismus zu diskreditieren. Die Diskrediteure mögen uns beweisen, dass sie noch in der Lage sind, wie die Menschen von Lascaux zu werden und wir wissen bereits jetzt, dass sie kläglich scheitern werden. Ihre Fakten verdunsten an den Höhlenwänden und der interpretatorischen Beliebigkeit ist von nun ab Tür und Tor geöffnet. Durch die Schleusen der Interpretationsströme werden nur noch die Leichname unechter Fakten geschwemmt. Sie können gezählt werden und ergeben dann Listen von Fleisch-Fakten, die nur noch der Finger Gottes zu verwalten vermag.

Gibt es noch Gefühle in diesen Kontaktnahmen? Was die Schleusenwärter erfahren ist nur noch ein bloßes Sich-Zeigen. Oder anders: was die Schleusenwärter erfahren ist endlich das reine Erscheinen. Das bloße oder reine Erscheinen ist das Phänomen schlechthin. Es verweigert sich der Geschwätzigkeit des Logos, es befeuert noch keine Erzählung. Es ist eines in erster Linie gar nicht: ein Subjekt/Objekt. Es ist aber, und das ist ganz und gar ärgerlich, die Inszenierung jenes trügerischen Gottes, die erst dieses elende S/O-Dilemma ins Werk setzt. Damit fängt diese vermaledeite Geschichte einer S/O-Beziehung an, die von den Zweischädeln des Parmenides bis hin zum Quantenuniversum der postmodernen Physik reicht und von Trittbrettfahreren aller möglichen Couleurs mit einem solchen Enthusiasmus benutzt wird, dass einem das Grausen kommt. Mach, lieber Gott, diesem bösen Spiel ein Ende und vernichte das Phänomen, rotte aus jede nur schwache Möglichkeit eines Sich-Zeigens, lass uns, den Geduldigen und den Aktionisten zurück in der Stille des Nichts und lasse dadurch erst Fleisch und Welt gesunden.

c) „Wir“ – das erigierbare Glied des Menschen von Lascaux.

In der interkosmischen Dimension entstehen Blickpunkte im vereinzelten Aktionisten als Teil eines rituellen Kollektivs. Die Blickpunkte nehmen den Aktionisten ins Visier und verdammen ihn zum Passionisten. Des Aktionist erfährt sich als Produkt der Blickpunkte, die ihn beblicken. Er ist und handelt nur als ein von den Blickpunkten erblickter. Er ist damit ein Gefangener des Pathos, das ihm von den Blicknahmen der Blickpunkte her zukommt. Er kann sich nicht dagegen wehren. Je mehr er an Widerstand denkt, desto mehr versiegt jede Widerständigkeit in ihm. Er wird zur Beute der „Sehepunkte“, wie Henriette Beese sie in ihrer Übersetzung von Deleuzes Proust und die Zeichen nennt. Er wird Produkt einer grandiosen Deterritorialisierung, wie ebenfalls Deleuze, gemeinsam mit Guattari, aber an anderer Stelle, schreibt. Seine Privatheit ist immer schon öffentlicher Raum, ist Ausgesetztheit. Es bleibt ihm nur noch eine Strategie: die Hingabe. Daraufhin fällt er in das hermeneutische Koma.

Die Geduldigen stehen um seine Liegestatt herum und beurteilen seinen Zustand. Sie berühren sein Fleisch. Sie überprüfen die Weichheitsskalen von eins bis hundert. Das Fleisch des Aktionisten ist matt geworden, es antwortet nur noch müde. Es ist komatöses Fleisch. Es ist hervorragendes Fleisch. Es könnte dem Gütesigel standhalten. Es wäre durchaus essbar. So träumen die Geduldigen vor sich hin den Traum von der Einverleibung. Doch in diesem Traum wird alles Fleisch zu Zeichen. Die Semiotisierung des Fleisches. Vor den wechselnden Hintergründen der Traumlandschaften lassen sich die Zeichen stets zu neun Mustern vereinen. Sie bedeuten Vielfaches und jedes Mal etwas anderes. Die Zeichen rufen verzweifelt nach ihrem Herrn und Meister. Es meldet sich ein gewisser John Searle und John Searle seinerseits ruft den Zeichen zu, sich doch endlich zu beruhigen. Es sei doch alles ganz einfach, er müsse nur erst die verteufelte Reiteration der Derridaschen Iteration von Sinn fertig bringen, um anschließend, als krönenden Abschluss quasi, seine Signatur darunter setzen zu können. Und John Searle spricht weiter und beschwert sich – bei wem, ist unklar – dass der Derrida seinen Namen zu S.A.R.L umgebogen hat, dabei wollte er ja nur eine letzte Möglichkeit der hermeneutischen Ankunft retten: den originären Sinn. Darum dreht sich alles, der erste oder letzte Sinn. Gottes Liste mit den Namen für die Objekte, die Berufung auf die große Taufaktion durch die analytische Philosophie. Erst in dieser logizistischen Liturgie kann, ähnlich einem Transsubstationsglauben, der unglaubliche Abgrund zwischen Sinn und Bedeutung überbrückt werden, den das Gehirn des Herrn Frege zwischen Morgenstern und Abendstern aufgerissen hatte. Allein, was allen Mitstreitern fehlt, ist das Vermittelnde Element: der Heilige Geist, der sich zitternd zwischen den Menschensohn und den Gottvater spannt. An dieser Stelle endet das hermeneutische Koma des Aktionisten und man hört ihn seufzen: so viel Mühe und noch immer kein Schimmer einer Struktur. Wie nur können wir weiter voranschreiten bei so viel Uneindeutigkeit? Er sieht die Geduldigen neben seiner Bettstatt schlafen. Eine wahre Gethsemane-Szene.

In der Gethsemane-Szene implodiert das Bild des Wir in die kalte Einsamkeit des Einzelnen. Das Menschen-Individuum sieht sich im frostigen Blau einer Mondnacht wieder und spürt nur eines: die Abwesenheit des Anderen. Sie beschwört den Anderen, doch dieser antwortet nicht. In diesem Beschwören, erzählt man sich, müsse der vereinzelte Mensch durch die Poren seiner Schweißdrüsen Blut abgeben. Ob dies physiologisch überhaupt möglich ist, wollen wir nicht diskutieren. Es ist für diese Szene auch völlig belanglos, da die Physiologie ja die Schwester der Physik darstellt und als eine solche dem trügerischen Diktat des Objektes und seiner Skalierbarkeit unterliegt. Was uns hier viel eher interessiert, ist die Welt, der das Wir abhanden gekommen ist. Kein Rudel, kein Kollektiv, kein Volk, keine Anhängerschaft, nicht einmal ein Gegenüber, dem man böse in die Augen sehen könnte. So erhebt sich der Aktionist von seinem Lager, lässt die schlafenden Geduldigen zurück, schreitet der Welt entgegen und phantasiert in überwältigenden Bildern über das Wort „Beziehung“. Diese Phantasie ist nun sein subjekt-fleischlicher Köder. Sie lässt ihn weiter leben in einem Netz von Zeichen jenseits jeglicher Struktur. Was ihm jetzt bleibt, ist nur noch vorweltliches Gewühl, Anfangsgebrabbel, wie damals beim Turmbau, Empfindungen, Atmosphäre, die Erinnerung an den neben dem sterbenden Tier liegenden Menschen mit erigiertem Penis, nur schemenhaft auszunehmen, nachdem er, mit einem Feuerspan ausgestattet, die unfassbare Dunkelheit der Höhle überwunden hatte. Dank dieser Reminiszenz einer wirklich übermenschlichen Tat, wird ihm klarer, dass er nur als ein Geläuterter zurückkehren wird. Und während wiederkehrender Berührungen an niemals kartographierbaren Körperregionen, während eindringlicher Stimmungsfahrten, während atmosphärischer Schwebeerfahrungen im transemotionalen Elaborat, drängt sich ihm zunehmend die Gewissheit auf, dass sich sein Abstand vom abwesenden Anderen in eine so dringliche Nähe verwandelt hat, dass er nur noch als Gott würde wiederkehren können.

d) Die Reich­weite der objektiven Ver­stümmelung.

Die Geduldigen sind in der Zwischenzeit aufgewacht. Sie sind sehr aufgeregt, denn das Lager des Aktionisten ist leer. Sie suchen nach dem Gärtner, den sie fragen könnten, wohin der Aktionist verlegt worden ist. Es gibt keinen Gärtner. Das Fehlen des Objekts, das seine Spuren als Abdrücke im Lager hinterlassen hat, verschafft ihnen Klarheit: die objektive Verstümmelung hat begonnen. Die objektive Verstümmelung kann so weit gehen, dass das Fleisch nur noch als austauschbare Masse in einem unüberschaubaren Kollektiv an austauschbaren Massen zu betrachten sein wird. Man wird jede Faser kartographiert, getauft, beschriftet und damit handhabbar gemacht haben. Man wird Gewissheit haben und keine Intimität mehr. Das ist das Opfer: das Opfer eines logisch geschulten Geistes, eines Geistes, der sich „naturwissenschaftlich“ nennen wird und damit dem Stigma einer gleichzeitigen Erfolgsgeschichte und eines totalen Irrtums hinsichtlich des Seins überhaupt verfallen sein wird. Im Rahmen dieses totalen Irrtums wird das Innen-Außen-Spiel gespielt werden. Es wird heftig gespielt werden und das Wörtlein „exakt“ wird sich über das nächtliche Wasser erheben und im spärlichen Mondlicht (viel spärlicher als in der Gethsemane-Szene) schweben; ein lästiger und aufdringlicher Geist, dessen Augen die zehntausend Tabellenzeilen aufwärts und abwärts fahren um nur ja kein Ding auszulassen, das sich in der großen Epipahnie aller Dinge überhaupt vielleicht noch versteckt halten könnte. Dieser Geist sucht nicht nach dem Grund für die Tränen, die die Geduldigen mittlerweile vergießen, alleingelassen in einem durchkalkulierten Universum. Sie berühren die tausend Dinge, umarmen sie, versuchen dieser Berührung, dieser Umarmung, diesem Anfassen einen Sinn – und sei er nur ein hermeneutisches Abfallprodukt – zu schenken. Aber da ist nichts mehr da, außer Daten: Gegebenes: Länge, Breite, Höhe, Produktionsdatum, Verfallsdatum und Eingang in die Wüste der unbrauchbar gewordenen Objekte. So schreien die Geduldigen nach Fleisch, sie schreien nach der Weichheit des Fleisches, nach seiner Wärme, nach dem Dampf in den Hütten, wenn die Eingeweide des geschlachteten Tieres aufgehängt werden. Schreiend zerren sie nun an den Dingen, schlagen auf diese ein, wieder und wieder, einem infernalischen Rhythmus folgend. Aber die Dinge werden nicht wieder zu Fleisch. Es bleibt nur eines: eine immense Messbarkeit, die sich gleich einem heiligen Zauber über alles gelegt hat. Das „Atmosphärische“ des „Zwischenraums“ zwischen den Geduldigen selbst und „ihren“ Objekten ist einem Koordinatennetz gewichen. In diesem Koordinatennetz beten die Geduldigen und warten auf die Ankunft des Aktionisten, denn erst dann mag ihnen in einer möglichen therapeutischen Beziehung Erlösung gewährt werden.

e) Fluch: das inter­objektive Gespräch.

Wenn die Objekte zu sprechen beginnen, hat die Welt ihr Äußerstes erreicht. Dann hört das Staunen der Welt auf. Sie ist dann nur noch da und redet auf die Subjekte ein. Die Subjekte aber, egal ob sie zu den Aktionisten oder den Geduldigen zählen, können den Erzählstrom der Objekte nicht hören und könnten sie ihn hören, dann würden sie ihn nicht verstehen und würden sie ihn doch verstehen, dann würde ihnen hören und sehen vergehen. Das ist der Fluch, der auf den Subjekten von den Objekten her lastet. So sind die Subjekte allen möglichen Intrigen ausgesetzt. Man gaukelt ihnen einen Willen vor, der aber nur das Produkt des interobjektiven Gespräches ist. Dabei realisieren die Objekte von alledem nichts. Sie sind ja nur Objekte und sie sprechen nur miteinander und nur selten mit den Subjekten. Es sind häufiger die Subjekte, die zu den Objekten sprechen und behauptet einer, die Objekte würden ihm zusprechen, dann wird er gerne in Verwahrung genommen. Die S/O-Struktur eines mit einem O sprechenden S – so die Verwahrungsexpertise – hat offensichtlich eine Delle abbekommen. Wer wirkt hier also auf wen ein? Das ist schwierig, weil nur die Subjekte glauben, so etwas wie einen Willen zu besitzen und die Objekte, ohne selbst davon etwas zu wahrzunehmen, die Souveränität dieses Willens unterlaufen. Der Wille der Subjekte ist folglich eine hyperelastische Größe. Er ist außerdem inhomogen und in Wirklichkeit nicht vorauszusagen, obwohl die Subjekte ihm eine solche Eigenschaft beilegen. Darin besteht ihre grundlegendste Täuschung.

Vor dem Hintergrund einer solchen Täuschung treffen nun Geduldige auf Aktionisten. Was passiert dann? Es grassieren die Typologien, es blühen die Phantasien, es dampfen die Fleisch-Interaktionen vor sich hin, es gibt Stillstände und Dynamiken, es gibt Symptome und Täuschungsmanöver, es gibt Syndrome und Etikettenschwindel, es gibt Einbeziehungen und Ausgrenzungen und es gibt vor allem Autoritäten und Unterwürfigkeiten. Im Morast all dieser Momente gärt der Wille, sondert Gase ab und lässt sich nur schwer bändigen. So wollen die einen vermeintlich heilen und die anderen wollen vermeintlich geheilt werden.

Die Aktionisten sind die Heiler und die Geduldigen sind die Ziele möglicher Heilungen. Glückt das Unternehmen, dann sind beide in einem Zustand euphorisierter Mitmenschlichkeit. Ist diese Mitmenschlichkeit noch zu vergleichen mit einer möglichen Mitmenschlichkeit unter den Menschen von Lascaux? Diese Frage muss unbeantwortet bleiben. Es gibt keinen Weg, eine solche Frage auch nur annähernd zu beantworten. Diese Frage entwirft sich in ein methodisches Nirwana hinein. Mit einem Wort: die Frage nach der Batailleschen Intimität in der Beziehung zwischen Aktionisten und Geduldigen ist eine unbeantwortbare Frage.

FAZIT:

Wir haben viele Überlegungen angestellt und sind dabei nirgends angekommen. Dieser Befund ist der von uns behandelten Angelegenheit aber voll und ganz angemessen. Würden wir ein Wort der Festlegung darüber verlieren, wäre das schon ein verachtenswürdiger Irrtum. Denn eine solche Festlegung würde die Begegnung um die es hier geht im Stil der Impulsgesetze abhandeln, die das Verhalten zweier aufeinandertreffender Kugelkörper beschreiben. Und den Experten rufen wir zu: Wacht auf! Die Anatomie hat ausgespielt, sie ist pure Kartographie einer einzigen Täuschung! Die Physiologie ist reiner Wahnwitz, sie ist die Geschichte einer größenwahnsinnigen Usurpation des Lebendigen! Alles andere, bis hin zu Sheldrakes Traum von den Formgebärenden Jagdgründen ist so etwas wie die Täuschung in der Täuschung, eine Täuschung zweiten Grades also: die russische Puppe einer Wirklichkeitsverwirrung. Denken wir also zurück und vorwärts zugleich an das Fleisch und an den Moment, bevor das Erscheinen selbst in Erscheinung getreten sein wird. Denken wir daran, gehen wir in uns, atmen wir tief ein, befeuern wir unseren Geist und sprechen wir laut: Es lebe die Nichtgeburt des Phänomens!

Literatur

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